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St. Petersburger Zeit im Werk des Architekten Michail Kondratjew

Gegenstand der Untersuchung ist die frühe Petersburger Schaffensperiode des Architekten Michail Nikolajewitsch Kondratjew (1878–1943), die mit der Herausbildung seiner beruflichen Methode und der Suche nach einer eigenen plastischen Sprache verbunden ist. Es werden die in den Jahren 1902–1909 in St. Petersburg errichteten Mietshäuser betrachtet, in denen die Grundzüge seines Stils und die Entwicklung seines architektonischen Denkens sichtbar werden.
Die Forschungsmethode basiert auf der historisch-architektonischen Analyse der Bauten Kondratjews, dem Vergleich der städtebaulichen Bedingungen Petersburgs zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Entwurfs- und Planungslösungen. Beachtung findet sowohl die Fassadenkomposition und die dekorativen Elemente als auch die funktionale Struktur der Gebäude, die Wechselwirkung der Architektur mit der Blockbebauung und dem städtischen Umfeld. Als Ergebnis werden die wesentlichen Merkmale der architektonischen Methode Kondratjews herausgearbeitet, die sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben: die Verbindung von ingenieurtechnischer Rationalität mit künstlerischer Ausdruckskraft, die systematische Nutzung von Lichtschächten, die variable Arbeit mit Eckgrundstücken und das Streben nach plastischer Ganzheitlichkeit der Fassade. Es wird gezeigt, dass sein Schaffen allmählich von späteklektischen Formen hin zu einem zurückhaltenden Jugendstil mit Elementen der nördlichen Richtung evolvierte, wobei die Orientierung an Funktionalität und Kontextualität erhalten blieb. Die Petersburger Etappe wurde zu einer wichtigen Periode der Herausbildung seiner individuellen Handschrift und beruflichen Reife.

Einleitung

Das künstlerische Erbe des Architekten Michail Nikolajewitsch Kondratjew (1878[1]–1943) nimmt einen besonderen Platz in der Geschichte der russischen Architektur des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts ein. Seine Werke, realisiert in St. Petersburg, Rostow‑am‑Don und Noworossijsk, hatten einen spürbaren Einfluss auf die Herausbildung des architektonisch‑künstlerischen Bildes dieser Städte, indem sie eine Brücke schlugen zwischen der Tradition der späten Eklektik, den innovativen Suchen des Jugendstils, dem revolutionären Konstruktivismus und dem Postkonstruktivismus der späten 1930er Jahre. In seinen Gebäuden, die sowohl in der nördlichen Hauptstadt als auch in den südlichen Städten Russlands errichtet wurden, zeigten sich die charakteristischen Merkmale des architektonischen Denkens der Epoche: das Streben nach einer Synthese von ingenieurtechnischer Rationalität und künstlerischer Ausdruckskraft, die sorgfältige Berücksichtigung des städtebaulichen Kontextes sowie der Einsatz plastischer Mittel, die das Erscheinungsbild ganzer Blöcke prägten.

Trotz des bedeutenden Beitrags Kondratjews zur Entwicklung der russischen Architektur bleibt der Grad der Erforschung seines Erbes begrenzt. Die Petersburger Periode zog die Aufmerksamkeit von Forschern auf sich (Ja. A. Rebajn, A. G. Tokarew, S. Ju. Aleksejew, B. M. Kiri Kow u. a.), jedoch sind die Etappen seiner Tätigkeit nur fragmentarisch beleuchtet. Insbesondere Aleksejew und Tokarew systematisierten erstmals die Angaben zu seiner beruflichen Biografie und seinen architektonischen Prinzipien [1], während Kiri Kow in seinen grundlegenden Werken zur Architekturgeschichte Petersburgs an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Kondratjews Schaffen im Kontext der Herausbildung des nördlichen Jugendstils untersuchte [2], [3].

Viele Objekte des Architekten sind entweder verloren gegangen (wie das Mietshaus Sromotko in Petersburg, das Wohnhaus an der Temernizkaja‑Straße in Rostow‑am‑Don) oder wurden im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Krieg stark umgebaut (der Lenin‑Palast der Arbeiter in Rostow‑am‑Don und der NKWD‑Kulturpalast in Noworossijsk), oder ihr äußeres Erscheinungsbild hat sich durch den Verlust der ursprünglichen Fensterverglasung, der Balkonverglasung und von Anbauten erheblich verändert (Wohnhäuser für Arbeiter der LWD, die Häuser „Neues Leben“ in Rostow‑am‑Don). All dies erschwert die Einbeziehung der erhaltenen Gebäude in den modernen Kultur‑ und Tourismusbetrieb. Gleichzeitig stellen die erhaltenen Bauten wertvolle Beispiele städtebaulicher und künstlerischer Praxis an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dar, die einer umfassenden Analyse und Neubewertung bedürfen.

Die Forschungstradition im Zusammenhang mit dem Studium der Architektur Kondratjews stützt sich auf historisch‑architektonische Analysen, Archivmaterialien sowie vergleichende städtebauliche Beobachtungen. In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an der Typologie der Mietshäuser und den Problemen ihrer Wechselwirkung mit dem städtischen Umfeld gestiegen, was es erlaubt, Kondratjews Werke in einem breiteren kultur‑ und zeithistorischen Kontext zu betrachten [4], [5].

In der vorliegenden Arbeit werden Methoden der historisch‑archivarischen und der Felduntersuchung, der historisch‑architektonischen Analyse sowie ein interdisziplinärer Ansatz angewandt, der die Ermittlung des Einflusses des sozioökonomischen und kulturhistorischen Kontextes der Zeit auf den Charakter von Städtebau und Architektur vorsieht. Eine solche ganzheitliche Betrachtung erlaubt es, sowohl allgemeine Gesetzmäßigkeiten als auch individuelle, für die Schaffensmethode des Architekten charakteristische Mittel aufzudecken.

Die Hinwendung zum Schaffen Michail Nikolajewitsch Kondratjews erscheint heute besonders aktuell. Einerseits stellen seine Werke eine bedeutende Schicht des russischen architektonischen Erbes dar, die einer Systematisierung und Popularisierung bedarf. Andererseits werfen der gegenwärtige Zustand der Objekte Fragen der Erhaltung und Neuinterpretation der städtebaulichen Erfahrungen des frühen 20. Jahrhunderts auf, was das Thema nicht nur im akademischen Umfeld, sondern auch in der Praxis des Denkmalschutzes und der Restaurierung von Architekturdenkmälern gefragt macht.

Hauptteil

Michail Nikolajewitsch Kondratjew (1876–1943) gehörte zu der Generation von Architekten, die sich unter den Bedingungen des intensiven Umbruchs Petersburgs an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert formte, als an die Stelle der Eklektik die Suche nach einer neuen plastischen Sprache trat. Nach seinem Abschluss im Jahr 1900 am Institut für Zivilingenieure – einer Bildungseinrichtung, in der der Schwerpunkt auf konstruktiver Festigkeit, Rationalität der Grundrisse und Wirtschaftlichkeit der Lösungen lag – trat Kondratjew sofort in das berufliche Umfeld ein, das strenge technische Kultur mit künstlerischen Ambitionen verband.

Seine ersten Dienstjahre waren mit dem Technisch‑Baukomitee des Innenministeriums und der Stelle eines Technikers der Stadtverwaltung von St. Petersburg verbunden [2, S. 167], was dem jungen Architekten Zugang zu großen städtischen Aufträgen verschaffte und es ihm erlaubte, an dem Prozess mitzuwirken, der das Erscheinungsbild ganzer Stadtviertel der Hauptstadt prägte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete sich in Petersburg die Praxis der komplexen Blockbebauung mit Mietshäusern heraus, die der wachsenden Nachfrage nach städtischem Wohnraum entsprach. Der Kern dieses Ansatzes bestand darin, dass das neue Haus nicht isoliert, sondern im Kontext des durchgehenden Straßenperimeters entworfen wurde, wodurch eine einheitliche frontale Linie der Fassaden entstand.

Abb. 1.
Fassade des Mietshauses von P. A. Nekrassow [6]
Abb. 2.
Grundriss des dritten Obergeschosses des Mietshauses von P. A. Nekrassow [6]

Die erste bedeutende eigenständige Arbeit Kondratjews war das Mietshaus von P. A. Nekrassow in der 6. Sowjetskaja‑Straße (6. Roschdestwenskaja‑Straße) 5 (1902–1903), das im Geiste der späten Eklektik gestaltet wurde, was dem allgemeinen Trend der Stilisierung und des Historismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts entspricht [7]. Das Gebäude ist in die Struktur der zentralen Bezirke Petersburgs eingefügt, wo die Straßen ein relativ schmales Profil aufwiesen und die Bebauung eine strenge Fassadenrhythmik erforderte. Der Architekt löst die Komposition im Geiste der späten Eklektik mit Elementen der Neorenaissance: eine symmetrische, dreiteilige Fassade, strenge axonale Gliederung, dekorative Bearbeitung der Fensteröffnungen. Zugleich ist in dieser Arbeit bereits das Streben nach Knappheit und Rationalität erkennbar, das für die Berufsschule der Zivilingenieure charakteristisch ist. Die innere Planungslösung, typisch für Mietshäuser des beginnenden Jahrhunderts, wird durch die Unterteilung des Hauses in vier durch schmale Durchgänge verbundene Teile erreicht. Diese Durchgänge schaffen vier Lichtschächte in den Ecken des Hofes, um die Zimmer in den straßenparallelen Flügeln zu beleuchten, wobei der Hof eine geschlossene Konfiguration hat, was den Effekt der Blockbebauung verstärkt.

Abb. 3. Fassaden des Mietshauses von I. I. Dernow [8]

St. Petersburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte ein komplexes städtebauliches System dar, in dem die Mietshäuser nicht nur Objekte privaten Kapitals waren, sondern das wichtigste Instrument zur Gestaltung des städtischen Raums. Für Kondratjew war diese Situation besonders fruchtbar: Gerade in ihr begann er, die Fassade nicht als Fläche mit Dekor, sondern als plastische Hülle zu begreifen, die die innere Struktur des Gebäudes widerspiegelt. Ein solcher Ansatz brachte ihn den Prinzipien der Architekten der rationalen Moderne nahe, die konstruktive Ehrlichkeit und Ausdruckskraft der Form zu verbinden suchten.

Die nächste Etappe war das großmaßstäblichere Projekt – das Mietshaus von I. I. Dernow an der Ecke der Tawritscheskaja‑ und der Twerskaja‑Straße (1903–1905). Hier gelang es Kondratjew, sich in der Arbeit mit Eckgrundstücken zu bewähren, die in der Struktur Petersburgs eine besondere städtebauliche Bedeutung hatten: Sie wurden zu Akzenten des Blocks. Die Fassaden des Gebäudes, die zu zwei Straßen hin orientiert sind, sind symmetrisch gestaltet, von Erkern gerahmt, nach dem Vorbild des Hauses Nekrassow, jedoch ist die Ecke durch ein zylindrisches Volumen eines Turms gelöst, was dem Gebäude den bekannten Beinamen „Haus mit Turm“ einbrachte. Die Rustizierung ist im Erdgeschoss steinartig dekoriert, und wahrscheinlich zur Erzielung eines kompositorischen Gewichts setzt sich die Rustizierung im zweiten und dritten Obergeschoss fort, jedoch glatt. Im Gebäude ist ein starker Einfluss des Jugendstils spürbar: Trotz symmetrisch gestalteter Straßenfassaden, der Verwendung der ionischen Ordnung, von Kartuschen, Pilastern mit Kanneluren im vierten und fünften Obergeschoss, werden dennoch elliptische Bögen im dritten Obergeschoss verwendet, Drachen im Stil des Art Nouveau. Besondere Wiedererkennbarkeit verleiht dem Gebäude die Rahmung der Rundbogenfenster der Mansarde im Eckturm durch ein Gesims und die bekrönende Kuppel, was für das Berliner Neubarock des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts charakteristisch war, wozu auch das Walmdach der Erker mit symmetrischer Betonung der Kuppel zu zählen ist. Im Grundriss lassen sich ebenfalls Barockelemente in den ovalen Räumen und den reich verzierten Treppenhäusern mit Balkon auf dem Podest entdecken. Kondratjew verwendet durchgängig Lichtschächte an den Ecken des geschlossenen Hofes, um eine gute Belichtung der Räume zu gewährleisten, was mit den modernen Vorstellungen über die Funktionalität der Petersburger Mietshäuser übereinstimmt [5], und diesmal erhalten diese Vertiefungen phantasievolle Formen, die mit der allgemeinen Plastik der Fassade harmonieren.

Insgesamt ermöglichte die Erfahrung der Planung der Häuser Nekrassow und Dernow dem Architekten, einen eigenen „Wortschatz“ an Fassadenmitteln zu entwickeln: den Rhythmus symmetrischer Pfeiler, Eckakzente in Form von Erkern und Türmen, die Nutzung von Lichtnischen und ‑schächten. Bereits in diesen Bauten zeigt sich sein Streben nach einer Balance zwischen der künstlerischen Einheit der Fassade und der funktionalen Logik des Grundrisses. Bemerkenswert ist, dass in Kondratjews Projekten die für viele Petersburger Gebäude jener Epoche charakteristische übermäßige Dekorativität fehlt – er wählt Strenge und Proportionalität, was den Übergang zur rationalen Moderne der späten 1900er Jahre vorwegnimmt.

Abb. 4. Grundriss, Fassade, Lageplan des Mietshauses Sromotko [9]
Abb. 5. Foto des Mietshauses Sromotko vor dem Abriss [10]

Im Jahr 1904 realisiert Kondratjew das Mietshaus Sromotko in der Woroneschskaja‑Straße 92 – ein Projekt von völlig anderem Charakter als das Haus Dernow; es handelt sich um einen viergeschossigen Baukörper mit einer Breite von fünf Fenstern am damaligen Stadtrand von Petersburg, mit einer Durchfahrt im Erdgeschoss, die in einen linearen Hof‑Durchgang führt, der den gesamten aus vielen Ställen bestehenden Block durchschneidet. Das Haus bestand aus sechs Zweizimmerwohnungen. Erstmals befasst sich der Architekt mit Arbeiterwohnungen und erschließt die Planung kleiner Räume. Selbst in einem so kleinen Volumen gelingt es ihm, alle Räume sehr hell zu gestalten, ebenso das Treppenhaus und die Sanitärräume, was die Rolle der Mietshäuser als besonderen Wohnungstyp im städtischen Umfeld unterstreicht [11].

Mitte der 1900er Jahre hatte Michail Nikolajewitsch Kondratjew bereits den Ruf eines Architekten, der ein neues Gebäude gekonnt in die dichte städtische Bebauung einfügen kann, was durch Studien zu den typologischen Besonderheiten von Mietshäusern bestätigt wird [4]. Darüber hinaus gelingt es ihm, ihm auch ein ausdrucksstarkes künstlerisches Erscheinungsbild zu verleihen. In dieser Zeit wendet er sich immer mutiger den Mitteln des Jugendstils zu, wobei er sie nicht als Ansammlung dekorativer Elemente, sondern als Mittel der ganzheitlichen plastischen Gestaltung der Fassade einsetzt.

Abb. 6.
Fassade und Grundrisse des Mietshauses von M. N. Kondratjew [12]

Das Mietshaus, das Sch. S. Kazenelson gehörte, auch „Kondratjews Mietshaus“ genannt, da ein Teil des Eigentums an Michail Nikolajewitsch übertragen wurde, in der Pionerskaja‑ (Große Grebeckaja‑) Straße 8 (1907–1908), wurde zu einer Art Manifest seiner beruflichen Reife, was die Schlussfolgerungen von A. G. Tokarew und S. Ju. Aleksejew über die Bedeutung Kondratjews für die Entwicklung des Petersburger Jugendstils bestätigt [1]. Die Fassadenkomposition ist in den Traditionen der rationalen Moderne gehalten und zeichnet sich durch eine ausgeprägte konstruktive Logik aus. Der tragende Rahmen der Fassadenwand wird durch die Betonung der Pfeiler mit Lisenen sichtbar gemacht, die die vertikalen tragenden Elemente der Wandebene akzentuieren. Vertikale Reihen von Fensteröffnungen und die Bereiche zwischen den Fenstern sind zurückgesetzt, was eine rhythmische Gliederung und räumliche Plastizität der architektonischen Oberfläche erzeugt. Die dekorative Ausstattung des Gebäudes ist im Stil des Jugendstils der Richtung Art Nouveau gehalten. Die Lieblingstechnik des Architekten: eine symmetrische, von Erkern gerahmte Fassade, die nun von Fenstern in Kurvenformen und einem Walmdach mit Dreiecksfenstern und einem geschmiedeten Geländer auf dem First gekrönt wird; in dieser Technik ist der Einfluss der Werke von F. O. Schechtel zu erkennen. Das Gebäude wird im Gegensatz zu den vorherigen nicht in den engen Grenzen der benachbarten Brandmauern der Innenhof‑Brunnen‑Häuser entworfen, sondern in einem Block mit strenger Bauflucht der Fassade, aber mit einem großzügigen Innenhof, der von einem L‑förmigen Gebäude an der Ecke und einem T‑förmigen Gebäude, das zum Maly Prospekt der Petrograder Seite hin orientiert ist, sowie einem benachbarten Gebäude, das ebenfalls von der Grundstücksgrenze im Hofbereich zurückspringt, gebildet wird. Dank dieser neuen Situation erhält Kondratjew die Möglichkeit, ein vollständig eigenständiges Volumen im Hof zu schaffen, das durch Durchgänge verbunden ist, in denen er das Treppenhaus unterbringt, das mit einem Zwischenpodest des Haupttreppenhauses verbunden ist, das durch diesen Durchgang Beleuchtung und zusätzlichen Raum erhält. Die Südfassade bleibt dabei blind, da sie entlang der Grundstücksgrenze geplant wird.

Abb. 7.
Fassade des Mietshauses Utkin [13]
Abb. 8.
Grundriss des Mietshauses Utkin [13]

Fast gleichzeitig arbeitet Kondratjew am Mietshaus Utkin an der Ecke Maly Prospekt der Petrograder Seite 67 und Podkowyrow‑ (Pokrowskaja‑) Straße 25 (1907–1908). Dieses Projekt ist ein Beispiel dafür, wie der Architekt die komplexe Konfiguration des Grundstücks zu seinen Gunsten nutzt. Der Eckteil des Gebäudes ist als mächtiger Erker ausgebildet, der sich über die gesamte Höhe der Fassade erhebt, die Vertikale betont und die Bedeutung der Straßenkreuzung unterstreicht. Die Petrograder Seite wurde in dieser Zeit intensiv bebaut, und Kondratjew schafft ein Haus, das sich gleichzeitig in das neue Ensemble einfügt und durch seine individuelle Plastik hervorsticht. Die dekorative Behandlung der Fassade ist hier zurückhaltender als im metropolitanen „hohen Stil“ des Jugendstils – der Architekt verwendet Ornament als Akzent, nicht als hauptsächliches künstlerisches Mittel, und bewahrt die Aufmerksamkeit für Proportionen und Tektonik. Im Grundriss wird erstmals die Technik der Drehung von Öffnungen um 45 Grad angewandt, um Innenraum zu sparen.

Abb. 9.
Foto des Mietshauses Japoluter [14]
Abb. 10.
Grundrisse des Mietshauses Japoluter [15]
Abb. 11.
Fassade des Mietshauses Japoluter [15]

Im Jahr 1909 vollendet er den Bau des Mietshauses Japoluter in der 7. Sowjetskaja‑ (Roschdestwenskaja‑) Straße 36. In diesem Projekt ist der Einfluss der Mittel des nördlichen Jugendstils spürbar – in der Verallgemeinerung der Formen und dem Streben nach einer ganzheitlicheren, „gegossenen“ Oberfläche der Wand, wie es in den Arbeiten von A. E. Belonoschkin beschrieben wird [4]. Die Komposition der Fassade mit der Hervorhebung des tragenden Rahmens der Wand und die künstlerische Lösung des Gebäudes auf der Ebene der ersten drei Obergeschosse mit minimalem Dekor sind im Geiste der rationalen Moderne gehalten, jedoch wird der Dekor in jedem weiteren Obergeschoss reichhaltiger und bleibt im Rahmen des nördlichen Jugendstils: geometrische quadratische Rosetten, die den Kanneluren im Jugendstil den Ursprung geben, alles wird von Erkern in den beiden letzten Obergeschossen und einer Terrasse im obersten Geschoss abgeschlossen, wobei die Erker von Doppelhalbsäulen gerahmt werden. Die Komplexität der dekorativen Ausstattung des Gebäudes zeigt sich im krönenden Teil der Fassade: Attiken der seitlichen Risalite in plastischen Jugendstilformen, Pilaster mit geschmiedeten Gittern in Blattformen, geometrisierter Ornament im krönenden Teil der Lisenen.

Schlussfolgerung.

Die frühe Petersburger Schaffensperiode von M. N. Kondratjew kann somit als eine Zeit charakterisiert werden, in der er die Arbeitsmethoden mit der Blockbebauung erlernt und weiterentwickelt: die Beachtung des städtebaulichen Kontextes, die sorgfältige Bearbeitung von Eckgrundstücken, die Balance zwischen dem dekorativen Erscheinungsbild der Fassade und der funktionalen Rationalität. In diesem Jahrzehnt durchläuft er den Weg von der vorsichtigen Anwendung späteklektischer Formen hin zu einer freieren Plastik des Jugendstils, wobei er den Prinzipien der ingenieurtechnischen Präzision und der planerischen Logik treu bleibt, was mit den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Architekturentwicklung in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts übereinstimmt. Seine Aufmerksamkeit für die Belichtung, die kompositorische Klarheit und die strukturelle Logik der Fassade zeigt eine Bewegung hin zu einer neuen Ästhetik, die auf ingenieurtechnischer Rationalität basiert. Diese Qualitäten fanden auch in den späteren südlichen Projekten des Architekten ihren Niederschlag, wo die Erfahrung der Hauptstadtbauten unter dem Einfluss eines anderen Klimas und eines anderen Baumaßstabs transformiert wurde. Diese Periode wurde für ihn zu einer Zeit, in der die Arbeit mit der Blockbebauung zur Suche nach einer individuellen Handschrift wurde und der Jugendstil in seiner Interpretation Züge einer zurückhaltenden, konstruktiv begründeten Ästhetik annahm. So wurden die frühen Arbeiten in Petersburg zur Grundlage der Berufsphilosophie Kondratjews, die seine schöpferische Entwicklung für Jahrzehnte bestimmte.

Literatur

  1. Aleksejew S. Ju., Tokarew A. G. „Revolution im Raum: Michail Nikolajewitsch Kondratjew (1879–1943)“ // Stroitelny Westnik, 2007, Nr. 5, S. 143–146.
  2. Architekten und Baumeister von St. Petersburg in der Mitte des 19. – Anfang des 20. Jahrhunderts. Unter der Gesamtredaktion von B. M. Kiri Kow. — St. Petersburg: Piligrim, 1996. — 400 S.
  3. Kiri Kow, B. M. Die Architektur des Petersburger Jugendstils. Herrenhäuser und Mietshäuser. — St. Petersburg: Kolo, 2012. — 576 S.
  4. Belonoschkin, A. E. Nördlicher Jugendstil und die Architektur Leningrads der 1920er–1950er Jahre [Elektronische Ressource] // Kultur und Kunst. — 2019. — Nr. 7. — S. 34–41.
  5. Bolowina Julia Wladimirowna, Zitman Tatjana Oretosowna. Typologische Besonderheiten von Mietshäusern // Ingenieur‑ und Bau‑Bulletin des Kaspischen Raums. 2023. Nr. 2 (44).
  6. Zentrales Staatliches Historisches Archiv St. Petersburg (ZGIASPb). Bestand 515. Verzeichnis 4. Akte 5105
  7. Wlassow W. G. Die Triade „Historismus, Stilisierung, Eklektik“ und der Postmillennialismus in der Geschichte und Theorie der Kunst [Elektronische Ressource] / W. G. Wlassow // Architecton: Nachrichten der Hochschulen. – 2018. – Nr. 3(63). – URL: http://archvuz.ru/2018_3/18
  8. ZGIASPb. Bestand 515. Verzeichnis 4. Akte 5445
  9. ZGIASPb. Bestand 513. Verzeichnis 102. Akte 640
  10. Foto St. Petersburg, Woroneschskaja‑Str. 92, 1998 abgerissenes Haus. (hinzugefügt von proarh) : [Elektronische Ressource] // Citywalls.Ru : Website. — URL: https://www.citywalls.ru/photo246242.html (Abrufdatum: 05.09.2024).
  11. Demidowitsch, D. Mietshäuser in Petersburg: Organisation, Wechselwirkung mit dem städtischen Umfeld, Rolle in der Gesellschaft [Elektronische Ressource] : Diplomarbeit. — St. Petersburg, 2021. — URL: [https://www.litres.ru/book/darya-demidovich/dohodnye-doma-peterburga-organizaciya-vzaimodeystvie-s-go-71769874/chitat-onlayn/](https://www.litres.ru/book/darya-demidovich/dohodnye-doma-peterburga-organizaciya-vzaimodeystvie-s-go-71769874/chitat-onlayn/) (Abrufdatum: 05.09.2025).
  12. ZGIASPb. Bestand 515. Verzeichnis 4. Akte 810
  13. ZGIASPb. Bestand 513. Verzeichnis 102. Akte 8085
  14. Foto St. Petersburg, 7. Sowjetskaja‑Str. 36, (hinzugefügt von ljubljupiter, 02.2023) : [Elektronische Ressource] // Citywalls.Ru : Website. — URL: https://www.citywalls.ru/photo246242.html (Abrufdatum: 05.09.2024).
  15. ZGIASPb. Bestand 515. Verzeichnis 4. Akte 5138

[1] In zahlreichen Quellen wird das Geburtsdatum mit 1876 oder 1879 angegeben, jedoch gilt nach den neuesten Erkenntnissen von W. F. Woloschinowa und M. N. Popow das Jahr 1878 als das korrekte Geburtsdatum.

Autoren:

Iwanowa‑Iljitschewa Anna Michailowna
Doktorin der Architektur, außerordentliche Professorin

Aleksejew Daniil Sergejewitsch
Assistent
Südliche Föderale Universität, Rostow‑am‑Don

Veröffentlichungsnachweis:
Iwanowa‑Iljitschewa A. M., Aleksejew D. S. Die Petersburger Periode im Schaffen des Architekten Michail Nikolajewitsch Kondratjew // Wirtschaft des Bauwesens. – 2026. – Nr. 4.

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